Jugendliche und Medien – Beitrag für das Handbuch Konfirmandenarbeit


Dieser Beitrag hat die Aufgabe, den Mediengebrauch Heranwachsender zu analysieren, zu reflektieren und Nutzungsszenarien für die religionspädagogische Arbeit mit Konfirmand*innen zu entwerfen. Neben der Darstellung von Ergebnissen einschlägiger Studien werden im Folgenden einige mediale Wirkmechanismen beschrieben und religionspädagogische Erschließungsmöglichkeiten skizziert. Damit kann kein vollständiges Bild der Theorien und Ansätze aus Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Religions-. Medien- und Kulturwissenschaft gezeichnet werden. Dies erscheint aufgrund der Komplexität des Themas und dem Umfang dieses Beitrags kein machbares Unterfangen. Es geht darum, eine erste Orientierung in diesem Bereich zu ermöglichen. Jedoch fokussieren die folgenden Unterüberschriften einen jeweiligen Schwerpunkt für die weiterführende religionspädagogische Bildungsarbeit. Konkrete Möglichkeiten, wie in der Konfi-Arbeit mit Medien gearbeitet werden kann, werden weiter unten beschrieben. (­­­­à Medien Praxis)

Mediennutzung

Studien belegen übereinstimmend, dass praktisch alle Jugendlichen unabhängig von Geschlecht, Altersgruppe oder schulischer Bildung Zugang zu den unterschiedlichsten Mediennutzungsangeboten haben.[1] Nahezu 100% besitzen ein Smartphone mit Internetzugang. Neun von zehn Jugendlichen (92%) hatten 2017 die Option, vom eigenen Zimmer aus mit Tablet, Laptop oder PC das Internet zu nutzen. Im Hinblick auf die tägliche Nutzung steht das Handy klar an erster Stelle. Über die Jahrzehnte zeigen die Studien, dass die digitalen Medien andere Mediengattungen nicht verdrängen. Die Nutzung von Fernsehen, Radio und Druckmedien (Bücher, Zeitungen) bleibt stabil.

Der größte Anteil der Online-Nutzung entfällt auf die kommunikativen Aspekte, gefolgt von Unterhaltung und Spielen. Lediglich ein kleiner Anteil der Nutzungszeit wird von den Jugendlichen auf die Suche von Informationen aufgewendet.

Die große Mehrheit der Jugendlichen darf das Handy zwar mit in die Schule nehmen, der Gebrauch unterliegt jedoch meist Restriktionen, wie fehlendem WLAN oder fehlender Freigabe zur aktiven Nutzung für den Unterricht.

Es bietet sich somit die Möglichkeit in der Konfirmandenarbeit den durchweg vorhandenen Gerätebesitz und mobilen Internetzugang der Jugendlichen in das methodische Repertoire aufzunehmen und dieses Potential produktiv, kreativ und zielgerichtet zu erschließen. Hier gilt es, Hilfestellung zu geben, Chancen aufzuzeigen und pädagogisch sinnvolle Konzepte zur Praxisanwendung zu entwickeln.

Die Alltags- und Erfahrungswelten Jugendlicher und junger Erwachsener stehen im Zeichen eines tief greifenden sozialen und kulturellen Wandels, auf den die Digitalisierung und Technisierung maßgeblichen Einfluss nimmt. Erwachsene beobachten diesen Wandel oftmals kritisch, für Jugendliche hat sich die Situation nie anders dargestellt. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive wird dieser Wandel mit dem Begriff der „Mediatisierung“ beschrieben und der aktuelle Mediatisierungsschub als „Digitalisierung“ bezeichnet. Demnach sind immer mehr Orte sowie Formen der Kommunikation von digitalen Medien durchdrungen und Strukturen, Abläufe, Freizeit, Erwerbsarbeit und Konsum, Identitäten, soziale Beziehungen, gesellschaftliche Institutionen und Ungleichheitsverhältnisse entwickeln sich zusammen mit den Medien und der darauf bezogenen Kommunikation stetig weiter. Der technische Vernetzungs- und kommunikative Verdichtungsgrad nimmt hierbei immer weiter zu.

Eine Konfirmandenarbeit, die „allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann“ (1. Petrus 3,15) ist, sollte diesen Herausforderungen der Lebenswelt Jugendlicher aktiv begegnen, ihnen ermöglichen einen Mediengebrauch im Sinne des Evangeliums zu erlernen und sie befähigen den christlichen Glauben durch und in Medien zu entdecken, auszudrücken und zu gestalten. Die kommunikativen Aspekte, auf die nachgewiesenermaßen der Großteil der Nutzungszeit entfällt, sind nicht nur wichtig, um Mediennutzung bei Jugendlichen zu verstehen und einschätzen zu können. Sie können vielmehr als hermeneutischer Schlüssel für eine Konzeption von Konfirmandenarbeit verstanden werden, die die Gemeinschaft der Konfirmand*innen und die Kommunikation des Evangeliums in ihren Mittelpunkt stellt.

 

Medienbildung – Bildung für, mit, durch und in Medien

Um die Bildungsprozesse von Jugendlichen im Zusammenhang mit Medien ausdifferenziert zu beschreiben und dann in der Folge auch zu organisieren, bedarf es einer Unterscheidung der Zugänge.

Medien sind nicht nur Bedeutungstransporteure oder Kommunikationskanäle, sie nehmen auch selbst Einfluss und beeinflussen durch ihre Verfasstheit das Handeln von Menschen. Sie hinterlassen Spuren und prägen die Kommunikation.

Die Konfirmandenarbeit unterscheidet sich zwar in ihren Zielen und Aufgaben von der Medienpädagogik. Sie kann sich jedoch wie der Sprache und dem geschriebenen Wort, den neuen Kulturtechniken der Digitalisierung nicht entziehen. Im Gegenteil: Die Konfirmandenarbeit sollte sich der Medien bedienen, sie kompetent in ihren Auftrag integrieren und den Prozess der Digitalisierung mitgestalten. Deshalb ist es wichtig zu differenzieren zwischen dem Erlernen des reinen Mediengebrauchs, der Bildung mit und durch Medien und zu guter Letzt der Bildung in den Medien selbst:

Bildung für Medien – Medienkompetenz

Der erste, klassisch medienpädagogische Zugang, betrachtet „Bildung“ primär als pädagogisches Handeln in Bezug auf Medien, also die Beförderung von Medienkompetenz. Medienkompetenz ist neben Lesen, Rechnen und Schreiben eine weitere wichtige Kulturtechnik geworden.[2] Als Medienkompetenz werden primär jene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten beschrieben, die ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln in der medial geprägten Lebenswelt ermöglichen. Sie umfasst auch die Fähigkeit, sich verantwortungsvoll in medialen Welten zu bewegen und neben den Chancen auch die Risiken und Gefahren von digitalen Prozessen zu erkennen.

Für die religiöse Bildung Jugendlicher bedeutet dies in der Praxis, dass die medial geprägte Lebenswelt und der Erwerb von Medienkompetenz elementare Bestandteile der religiösen Bildungsprozesse werden. Verständnis, Verwendung, Gestaltung und Bewertung von Medien ermöglichen sowohl eine kritische Aneignung als auch eine mögliche Distanzierung von Medien.

Beispielhafte Herausforderungsfelder für die Konfirmandenarbeit sind:

  • Soziale Netzwerke und Messenger Apps
    Was sind die Kommunikations- und Interaktionsstrukturen, die Austausch und Vernetzung in der Konfirmandenarbeit ermöglichen und wie werden sie genutzt?
  • Glaubwürdigkeit und Qualität von Quellen
    Wie wird die Seriosität von Informationsquellen und deren Vertrauenswürdigkeit ermittelt und unter welchen Bedingungen dürfen sie genutzt werden?
  • Schutz vor entwicklungsbeeinträchtigenden Inhalten und menschenverachtenden Ideologien
    Wie wird der Schutz der Konfirmand*innen vor Pornografie, Gewalt und extremistischer Propaganda organisiert?
  • Datenschutz
    Wie können Privatheit & Privatsphäre erhalten bleiben und die gegebenen Möglichkeiten rechtskonform genutzt werden?

Bildung mit Medien – Medien

Der zweite Zugang ist lerntheoretisch motiviert und rückt Medien in eine instrumentale Position; es geht hierbei nicht unbedingt um Lernen in Bezug auf Medien, sondern um Lernen mit Medien in Bezug auf beliebige Lerngegenstände. Religionsdidaktisch zu beachten und auch mediengemäß handlungsleitend sind nicht mehr Erinnerung und richtige Rekonstruktion von Wissen und Wahrheit. Vielmehr ist die Mediennutzung als konstruktiver Ort möglichst eigener Weltfindung zu verstehen.

Für die Konfirmandenarbeit bedeutet dies, dass der Mediengebrauch sich nicht auf das Auswendiglernen oder die Erschließung überlieferter Tradition beschränken sollte, sondern den Konfirmand*innen die Gelegenheit gegeben wird, sich eigenständig, selbstbestimmt und interessengeleitet religiöse Erfahrungsräume auch medial zu erschließen (à Medien Praxis).

Das 4K-Modell des Lernens (kurz 4K, englisch Four Cs oder 4Cs) der OECD formuliert Kompetenzen, die für Lernende im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung für eine zeitgemäße Bildung sind: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.[3]

Wann immer Konfirmand*innen mit Medien an religiösen Lerngegenständen arbeiten, können diese vier Kompetenzen handlungsleitend für die Bedeutungsproduktion in der Konfirmandenarbeit angewendet werden.

Beispielhafte Herausforderungsfelder für die Konfirmandenarbeit sind (-> Medien Praxis):

  • Filmbildung und -produktion
  • Online-Lernen
  • Geobasiertes Lernen (Geocaching, virtuelle und augmentierte Erkundungen, …)
  • Digitale Spiele (Apps, Virtuelle Welten – z.B. Minecraft/Minetest)

Diese Herausforderungsfelder sind im Rahmen von Lizenzierungen und Urheberrechtsbestimmungen verantwortungsvoll anzugehen.

Bildung durch Medien

Eine dritte Perspektive ist die der Mediensozialisation: hierbei geht es um die Bedeutung von Medien in Bezug auf bestimmte Formen von Lernprozessen. Mediensozialisation ist wesentlich soziales Lernen in mediatisierten Lebenswelten. Sämtliche Studien weisen, wie eingangs erwähnt, darauf hin, dass die soziale Vernetzung das wichtigste Motiv der Mediennutzung ist. Die Teilhabe an Netzwerken ist nicht mehr in analog zu digital zu unterscheiden. Wenn in und über Medien zunehmend auch gesellschaftlich relevante Räume entstehen, ist neben der Frage des Zugangs zu diesen Räumen vor allem die Frage relevant, wie und von wem die Räume ausgestaltet und in Gebrauch genommen werden können.

Diese mediatisierten Lebenswelten haben erstens vielfache Funktionen der traditionellen Religionen übernommen, sie weisen zweitens Strukturen auf, die sich parallel zu religiösen Phänomenen beschreiben lassen, und sie transportieren immer wieder Inhalte, Bilder und Symbole, die aus dem Bestand der Religionen entnommen wurden.[4]

Hier gilt es nun in der Konfirmandenarbeit über den reflektierten und kompetenten Mediengebrauch hinaus auch mit Jugendlichen die Bedeutungsproduktion durch Medien auf religiöse Funktionen hin zu reflektieren. Beteiligung und Partizipation der Konfirmand*innen sind auch durch die Ingebrauchnahme von Medien zu gewährleisten. Digitale Räume und die Funktion der Medien als Religion sind anzuerkennen und christliche Inhalte, Bilder und Symbole gilt es in der Konfirmandenarbeit medial zu integrieren.

Beispielhafte Herausforderungsfelder für die Konfirmandenarbeit sind:

  • Online-Aktivitäten (-Andachten, -Gottesdienste, -Chats, -Seelsorge, …)
  • Online-Communities
  • Mediale Gottesdienstgestaltung

Bildung in Medien

Ein vierter Zugang hebt auf eine besondere Qualität von Lernprozessen ab, die in einer immer pluraler werdenden Lebenswelt auch immer dringlicher benötigt wird. Diese Lernprozesse sind solche, die die zuvor erworbenen Kompetenzen einklammern und so auf einer höheren Ebene reflexive Orientierungskompetenzen ermöglichen. Hier geht es nicht nur darum, Handlungskompetenz pädagogisch zugänglich zu machen, sondern auch, selbst aktiv und verantwortungsvoll an der strukturellen Gestaltung der Medienwelt mitzuwirken.

Sowohl im politischen wie im ökonomischen und im pädagogischen Bereich der Entwicklung oder Verwendung von Software stellt sich also die Frage, welche Formen von Subjektivität und Sozialität, welche Konzepte von Wissen, Lernen und Bildung dabei artikuliert werden.

Eine verantwortbare Konfirmandenarbeit anerkennt die informationelle Selbstbestimmung der Konfirmand*innen und integriert Verschlüsselung, Datenschutz und Privatheit im Sinne einer Bildung, die die „Freiheit des Christenmenschen“ von der Martin Luther gesprochen hat, anstrebt. In der strukturellen Gestaltung der Konfirmandenarbeit sollte der mediale Gebrauch von Software, Technologie, Lern- und Lehrmaterialien sich den Prinzipien der Offenheit (engl. openness) im Sinne der Open-Source-Initiativen verpflichtet fühlen. Die Weitergabe und Zugänglichkeit des Evangeliums sowie die zeitgemäße Ausgestaltung der Konfirmandenarbeit ist eng verbunden mit den traditionsgeschichtlichen Prinzipien des Christentums, das stets barrierefrei alle Menschen adressiert und sie gleichsam zu Interpreten und Mitgestaltenden der frohen Botschaft macht.

Beispielhafte Herausforderungsfelder für die Konfirmandenarbeit sind:

  • Gemeindekonstitution in Medien
  • Kirchenzugehörigkeit durch Mediengebrauch
  • Mediatisierung von Religion

Ausblick

Zusammenfassend lässt sich wie eingangs angekündigt die voranschreitende Digitalisierung unserer Gesellschaft in ihrer Komplexität nicht einfach reduzieren. Nach dem Erlernen von Sprache, Handschrift und Buchdruck hat die Menschheitsgeschichte nun mit den vernetzten Medien eine weitere Kulturtechnik zu integrieren. Dass dies nicht reibungslos vonstattengeht, zeigt der Blick in die Geschichte. Gleichermaßen wurden die Möglichkeiten des Mediengebrauchs immer auch produktiv in die Bedeutungsproduktion der christlichen Tradition integriert. Für Medien in der Konfirmandenarbeit gilt also das Gleiche wie für den Buchdruck zu Zeiten der Reformation: Es gilt die Möglichkeiten der (digitalen) Medien gewinnbringend im kirchlichen Bildungshandeln umzusetzen.

Weiterführende Literatur:

  • Tipps?
  • Ideen?
  • Online-Publikationen?

 

 

[1] Die dargestellten Zahlen sind der Jugend-Medien-Studie JIM entnommen – Nahezu deckungsgleiche Ergebnisse ermitteln die Studien von bitkom, forsa oder dem Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. Einen stets aktualisierten Überblick zu deutschsprachigen Studien in  Bezug auf Jugendliche und Medien findet sich ab dem Jahr 2000 unter http://www.eukidsonline.de/studienuebersicht/

[2] Vergleiche den Beschluss der Kultusministerkonferenz „Medienbildung in der Schule“ 2012 (www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2012/2012_03_08_Medienbildung.pdf; abgerufen am 10.03.2018) und das Handlungskonzept „Bildung in der digitalen Welt“ 2016 (www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2018/Strategie_Bildung_in_der_digitalen_Welt_idF._vom_07.12.2017.pdf; abgerufen am 10.03.2018).

[3] Siehe hierzu: http://www.oecd.org/education.

[4] M. L. Pirner, Religiöse Mediensozialisaton? Medienpädagogik Interdisziplinär Bd. 3. München 2004. S. 10.

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